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Die Rückmeldung (Autobiografische Kurz-Prosa)
Nachdem ich die Nacht nicht richtig geschlafen habe und die Snooze-Taste des Weckers mich im 5-Minuten-Takt dazu gebracht hat bereits 27 Mal den Arm aus dem Bett zu lehnen stehe ich um 10:15 endlich auf.
Ich schlendere ins Bad. Morgentoilette. Also Blase entleeren und den Knies aus den Augen waschen.
10:20 Uhr
Zwei Scheiben Toast in den Toaster und schnell etwas Wasser im Wasserkocher erhitzen um mir einen warmen, eklig süßen Zitronen-Tee aus Instant-Granulat zu brauen. Von dem Zeug wollte ich eigentlich endlich runter kommen und hatte mir deshalb die Kaffeemaschine zugelegt, die nun mit der Meldung 'Bitte Pflege drücken' vor sich hin brummt. Ich starte das Pflegeprogramm und lasse anschließend noch einen extra starken Espresso in die Auffangschale laufen. Ich mag diesen Geruch.
Der Teller vom Vorabend weicht einem frischen Exemplar aus der Spülmaschine, und nachdem ich das erste Toast mit Butter bestrichen habe verrät ein Blick auf die Uhr: Halb Elf.
Scheiße, denke ich, um 12 machen die ja schon wieder zu aber Du kannst es nicht schon wieder auf 'morgen' verschieben!
Um mir meines Problems auch mal in vollem Umfang bewusst zu werden werfe ich den PC an.
Einige Forenbeiträge meiner Lieblingsdisko und dem Durchstöbern neuer Spam mails nach versehentlich gefilterten 'Hab Dich letztens gesehen und würd Dich gern kennenlernen' Nachrichten später, finde ich auch die Informationen im Netz, die ich eigentlich gesucht hatte: 166,95 Sozialbeitrag + 650 Euro Überziehungsgebühren. Macht 816,95 Euro. Scheiße, denke ich zum Zweiten Mal und schaue auf die Uhr:
11:15 Uhr
'Kacke' variiere ich meine Gedanken. Nu aber wacker!
Wetterbericht online meint es wäre warm aber nass.
Also nicht die gute Hose anziehen, die ich gern übermorgen tragen möchte sondern lieber die Jeans vom Wochenende. Die stinkt noch nach Rauch und muss ohnehin in die Wäsche.
Weil es windig ist schlüpfe ich in einen warmen, grauen Rollkragen-Pulli und entscheide mich für meine alte ONeill Jacke aus Schultagen, die mir heute endlich passt und als einzige über eine Kapuze verfügt. Auch wenn es noch trocken ist - man weiß ja nie...
11:29 Uhr
Ich verlasse die Wohnung. Die Bahn kommt um 35. Und ich muss noch ein Ticket kaufen.
Ich sehe scheiße aus, und ich weiß es.
Daher ist die Bahn auch voller hübscher Studentinnen Anfang 20, die mich entsprechend keines Blickes würdigen.
Da es sich hier ja um politisch links orientierte, Sozial engagierte und den Kapitalismus verachtende Frauen handelt, verkneife ich mir einen auffälligen Blick auf die Uhr meines 700 Euro Smartphones mit der coolen blau hinterleuchteten Tastatur. Ich hab den Dreh, wie man richtig protzt ohnehin noch nicht raus.
11:50 Uhr. Ankunft am Ziel.
Nicht ohne der kleinen Pummeligen, die sich als einzige getraut hat sich mir gegenüber zusetzen nocheinmal in den Ausschnitt zu glotzen steige ich aus. Ich erklimme die Treppe und erhalte einen Anruf von Daniel.
Daniel hat die ihm anvertraute Aufgabe, Klausurergebnisse auf dem Flur auszuhängen meinetwegen unterbrochen und steht bereits im Verwaltungsgebäude auf Etage 1 'Universitätskasse'. Aufgeregt erzählt er was von 'schließen jetzt gleich' und 'wo ich denn bleibe'.
'Gib mir 2 Minuten' entgegne ich und biege erstmal in die entgegengesetzte Richtung ab.
Ich habe nämlich keine Achthundertsechzehn Euro fünfundneunzig dabei.
Also schnell zum Automaten. EC. Sparkasse.
Die beiden einzigen Mädchen vor mir in der Warteschlange unterhalten sich so angeregt, dass sie mein Vorbeimogeln zu spät bemerken.
Der Automat lässt sich Zeit. Wozu auch die Eile. Er muss ja nicht bis 12 Uhr mit Unterzeichneter Quittung im Sekretariat die Rückmeldung durchführen.
Nach Eingabe der PIN fragt mich die Kiste wie üblich nach dem gewünschten Betrag und macht Vorschläge: 50 Euro, 100 Euro, 200 Euro... bis 400 Euro reichen die Tasten am Bildschirmrand.
Ich entscheide mich für 'anderer Betrag' und tippe versuchsweise '800' auf die Tastatur, die ich zuvor schon einem gründlichen Check nach mini Kameras oder Drucksensitiver Folie von Trickdieben untersucht habe. Natürlich nicht ohne mit meinem wärmsten Finger - dem Daumen - noch ein paar unbeteiligte Tasten zu erwärmen, für den Fall, dass die Trickbetrüger eine Wärmebildkamera zum erhaschen meiner Geheimzahl einsetzen würden.
Nach ca. 4*10^3 millisekunden stellt mich der Automat mit der Meldung 'Höchstbetrag 500 Euro' vor die Wahl: 'Abbrechen' oder 'erneut eingeben'?
Da die beiden übervorteilten Mädchen in der Schlange hinter mir nun langsam ungeduldig wirken, entscheide ich mich für die zweite Option. Ich ziehe den Höchstbetrag, stecke die kleinen Scheine ohne zu zählen eilig in mein Portmonnaie und mache mich schnellen Schrittes und ohne einen Blick auf die Warteschlange hinter mir auf in Richtung Verwaltungsgebäude.
11:59 Uhr
Ich bahne mir einen Weg vorbei an einem T-Online Promo Stand mit Händen in den Taschen um die Annahme von Flyern zu vermeiden und hindurch, durch eine große Ansammlung von Studenten, die hier auf den letzen Drücker noch irgendwelche Meldetätigkeiten erledigen wollen. Mein Ziel ist das Treppenhaus am anderen Ende.
Im ersten Stock angekommen sehe ich Daniel - das Handy am Ohr - nervös auf und ab gehen.
'Ach' mache ich auf mich aufmerksam und er bricht den Anrufversuch ab.
'Keine Bar-Zahlung mehr möglich' prangt in großen Buchstaben auf einem notdürftig befestigen Din-A-4 Blatt an der gläsernen Eingangstür zur Universitätskasse.
Scheiße, denke ich laut.
12:01 Uhr
Ich stemme mich gegen die Tür zur Schatzmeisterin, die grade Kasse macht und mit dem Zählen von 50er Scheinen beschäftigt ist. Die Tür gibt nach und ich sehe diesen Ausdruck von 'Warum hab ich noch nicht abgeschlossen' in ihren Augen, als ich nur durch eine dicke Glasscheibe getrennt vor ihrem Schalter stehe.
'Wir haben eigentlich schon geschlossen' informiert sie mich, schiebt aber noch ein neugieriges 'Um was geht es denn?' hinterher.
Dafür liebe ich sie. Nicht die Schatzmeisterin, nein. Alle Frauen!
Neugier. Der Schlüssel zum Erfolg. Ha!
Der erste Schritt ist getan und ich setze ein charmantes Lächeln mit einem leichten Dackelblick auf: 'Ich müsste wirklich dringend den Semesterbeitrag bezahlen' und ob das denn nicht noch eben möglich wäre.
'Na gut' seufzt sie. Selber Schuld. Was fragt sie auch.
Es seien ja keine Barzahlungen möglich, aber sie würde mal ausnahmsweise beide Augen zudrücken.
Erstaunt über meine offensichtliche Wirkung auf diese bedauernswert unattraktive Hüterin des Mammon fange ich an einen Zahlschein auszufüllen. Für jedes der drei Felder 'Name/Anschrift', 'Betrag' und 'Verwendungszweck' unterbreche ich sie mit einer Frage bei ihrer wiederaufgenommenen Zählung der 100 Tausend Euro, die mittlerweile hochverschuldete Studenten hier wohl mal abgeliefert haben müssen. Was hier bezahlt wird, fällt vermutlich durch einen Schlitz im Boden in den darunter liegenden Geldspeicher der Ruhr Universität und wird dort von einem hässlichen Zwerg mit einer Schaufel und einer Axt bewacht.
Nachdem der Zahlschein ausgefüllt ist ziehe ich den nervös wartenden Daniel für den eigentlichen Zweck seiner Anwesenheit in diesem Gebäude in die Zahlstube: Geld.
'Du darfst mir die 400 Euro jetzt geben' fordere ich ihn auf seine Geldbörse zu zücken und mir acht 50er Scheine zu reichen, die er statt dem Ausdrucken der Klausurergebnisse für die wartenden Studenten am Automaten für mich gezogen hatte. Dafür bin ich ihm dankbar. Für beides.
Pekuniär erleichtert erfahre ich, dass noch 10 Euro Strafgebühr fällig sind, die ich mit einer Weltmännischen Geste von Daniels Kröten begleiche.
Ich erhalte den quittierten, gestempelten und unterschriebenen Zahlschein und es ist sechs nach zwölf.
Eilig geht es die Treppe hinab zurück in das Gedränge des Foyers.
Die Schlange vor dem Studierendensekretariat ist gar nicht mal mehr so lang, was unter anderem daran liegen könnte, dass über dem Schalter in großen roten Leuchtbuchstaben der Schriftzug 'Wir haben seit 12 Uhr geschlossen' blinkt.
Da der Betrieb noch im Gange ist reihe ich mich in die Schlange ein, in dem Moment, wo der Mitarbeiter kurz seinen Posten hinter dem Schalter verlässt um durch die Seitentür ins Foyer zu treten und allen in der Schlange eine Wartemarke auszuhändigen um wenigstens irgendwann Feierabend machen zu können ohne dem nachfolgenden Studierenden das Prinzip von Geschäftszeiten und Ungerechtigkeit erklären zu müssen.
Somit bin ich dabei - im Gegensatz zu einigen Nachzüglern und einem vor mir stehenden dunkelhäutigen Pärchen, dass die Frage 'möchten sie beide eine Wartemarke haben?' offensichtlich nicht verstanden hat.
Aus Angst mich an Kaffee zu gewöhnen schlage ich das Angebot von Daniel auf einen Espresso während der Warterei aus und starre ein paar durchschnittlich gebauten Geisteswissenschafts-Studentinnen auf ihre Lese-Ärsche.
Dass ich in meiner 13 Jahre alten Regenjacke mit abgerissenem Reißverschluss ziemlich unsexy aussehe, stört mich dabei nicht.
Mittlerweile ist es gut Viertel nach Zwölf. Und Endlich bin ich an der Reihe.
Schlimm genug, dass der Typ vor mir noch ne Extrawurst brauchte und durch den Seiteneingang in die Stube gebeten wurde.
Ich lege meinen quittierten Zahlschein sowie meinen zerschundenen Studentenausweis auf die Theke und sage 'Zurückmelden'.
Auf die ungläubige Frage, ob ich den Betrag auf dem Zettel tatsächlich, eben, oben und in bar bezahlt hätte antwortete ich wahrheitsgemäß mit 'selbstverständlich' und fügte ein leises 'ausnahmsweise' in sein erstauntes Gesicht hinzu.
Er akzeptierte und tippte was in sein Terminal.
Dieses Terminal kann ALLES hatte Daniel gesagt. 'Die können Dich sogar nie studiert haben lassen' meinte er. Tröstlich.
Beim Blick auf meinen Ausweis und den Gedanken an das teure Bahn-Ticket von vorhin fiel mir ein, auch gleich einen neuen Studentenausweis zu beantragen, wo ich doch schon mal nach Ladenschluss und mit ein paar nervösen Leuten hinter mir in der Schlange hier stünde.
Ohne eine Geste der Emotion bat mich der Sachbearbeiter in meinen schlunzigen Klamotten und mit zerzausten Haaren sowie meinem 3 Tage Bart Zwecks neuem Passfoto zum Seiteneingang...
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